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Letzte Änderung:
11.07.2018, 09:54
 
 
 

Was ist das?

Um zu beschreiben, dass ein Kind größere Probleme im Fach Mathematik hat, gibt es eine Anzahl von Begriffen z.B. Rechenschwäche, Rechenstörung, Dyskalkulie oder Rechenschwierigkeiten. Man geht davon aus, dass etwa 5-6% aller Kinder eine Rechenschwäche haben, die – bleibt sie unerkannt und unbehandelt – nachteilige Folgen für das Kind und seine Familie haben kann.

Mathematikdidaktiker sind sich einig, dass Dyskalkulie nicht als Krankheit anzusehen ist, weil man dieser Schwäche keine einheitlichen Symptome und Ursachen zuordnen kann. Außerdem erwerben leistungsschwache wie leistungsstarke Rechner mathematisches Wissen in der gleichen Abfolge und Art und Weise.  Beide kommen bereits vor der Schule mit Zahlen, Mengen und mathematischen Sachverhalten in Berührung. Während nun aber die starken Rechner fehlerhafte Vorstellungen weitgehend überwunden haben und der Schulbeginn eine quasi Wiederholung und Strukturierung ihres Wissens darstellt, reichen den schwachen Rechnern ihre Vorerfahrungen noch nicht aus, um in der Schule bestehen zu können. Für sie ist der Schulstoff in der ersten Klasse neu und viel zu schnell. Die Hoffnung, dass sich diese Leistungsunterschiede auswüchsen oder durch üben behebbar wären, wird in der Regel nicht erfüllt.

Deshalb würde ich mich einer Definition von Gaidoschik anschließen, die besagt:
„Rechenschwäche ist … auf der Ebene des kindlichen Denkens ein klar beschreibbarer Zusammenhang von Fehlvorstellungen, fehlerhaften Denkweisen und letztlich nicht zielführenden Lösungsmustern zu den „einfachsten“ mathematischen Grundlagen. (…) Die mathematischen Vorstellungen und Denkweisen der Kinder stehen aber vom ersten Tag an in Wechselwirkung zum System Schule einerseits, zu den Reaktionen von Eltern, Großeltern, Freunden … andererseits.“

 

verwendete Literatur: Gerster, H.D. u.a.: Schwierigkeiten beim ERwerb mathematischer Konzepte im Anfangsunterricht. S.37/ Fritz, A. u.a.: Kalkulie. S. 5/ Gaidoschik, M.: Rechenschwäche - Dyskalkulie. S. 13

 

Typische Fehlerbilder


Auch wenn man nicht von „der Rechenschwäche“ sprechen kann, lassen sich immer wieder gleiche oder ähnliche Grundmuster erkennen:
 

Eine Auswahl:

  • Schwierigkeiten bei der Klassifikation von Dingen: Das Zusammenführen von Dingen mit gleichen Merkmalen, das Unterscheiden von Objekten anhand verschiedener Eigenschaften, das Verständnis von Unter- und Oberbegriff.
  • Schwierigkeiten bei der Seriation: Hierzu gehört das Vergleichen von unterschiedlich großen Mengen oder die Reihung (immer größer, länger)
  • Schwierigkeiten bei protoquantitiven Schemata: Das Wissen über Mengen, ohne die genaue Anzahl zu kennen, d.h. wenn etwas dazukommt, wird die Menge größer, wenn etwas weggenommen wird sie kleiner.
  • Schwierigkeiten bei der Invarianz: Erkennen das eine Menge gleich viel bleibt, wenn nichts dazu- bzw. wegkommt, wenn man sie verschieden anordnet, sie umfüllt.
  • Fehlende Eins-zu-Eins-Zuordnung/Zählfehler: Jedem gezählten Ding wird genau ein Zahlwort zugeordnet. 
  • Fehlendes Kardinalzahlverständnis: Um eine Zahl in ihrem kardinalen Aspekt verstanden zu haben gehört: Jedem Objekt wird genau eine Zahl zugeordnet/ Jede Zahl kommt genau einmal vor und in der immer selben Reihenfolge/ Die letzte Zahl beim Zählen einer Menge gibt deren Anzahl an/ Die Reihenfolge der Objekte beim Zählen spielt keine Rolle/ Aus einer Menge eine Teilmenge abzählen/ Die Vorstellung der Mächtigkeit einer Menge/ Zahlen im Vergleich und Zusammenhang mit anderen Zahlen sehen und denken, d.h. Zahlbeziehungen präsent haben.
  • Verwechseln von Ordinalzahlaspekt (Der fünfte in einer Reihe) und Kardinalzahlaspekt (Das sind fünf): Fünf für einen Platz in einer Reihe, nicht aber für die Menge aller bisher abgezählten Gegenstände.
  • Fehlendes Operationsverständnis bei den Grundrechenarten: Ohne Kardinalzahlverständnis wird ein Kind bei den Grundrechenarten früher oder später scheitern, weil es nicht an „wie viel?“ denkt, sondern im Rangplatz-Denken verhaftet ist.
  • Schwierigkeiten bei zweistelligen Zahlen. Hierzu gehört die Unterscheidung in Zehner und Einer und ihrer Mächtigkeit, die Bündelung von 10 Einern zu einem Zehner, die korrekte und festgelegte Reihenfolge und Bedeutung der Ziffern, das richtige Notieren der Zahlen von links nach rechts, Bauplan der Zahlen begreifen.
  • Das Einmal-Eins auswendig lernen klappt auch nach viel Üben nicht.
  • Sachaufgaben werden nicht gelöst.
  • Große Probleme beim Umgang mit Maßeinheiten, insbesondere mit der Uhr und Geld.

 

Verwendete Literatur: Gaidoschik, M.: Rechenschwäche - Dyskalkulie. S. 13

Mögliche Ursachen


Da es nicht „die Rechenschwäche“ gibt, kann man auch nicht „die Ursache“ des Problems finden bzw. von einer eindeutigen Ursache-Wirkung-Beziehung sprechen. Folgende Faktoren, die in enger Wechselwirkung miteinander stehen, können zur Entstehung einer „Rechenschwäche“ beitragen:

Von Seiten des Kindes

  • Entwicklungsrückstände im sensomotorischen Bereich
  • geringes Selbstvertrauen
  • Misserfolgsorientierung
  • Konzentrationsprobleme
  • ungenügende bzw. nicht ausreichende mathematische Vorerfahrungen..
     

Von Seiten der Familie:  

  • Mangelnde (Früh-)Förderung
  • Es werden „Tricks“ und „Eselsbrücken“ vermittelt, ohne dass das Kind den Gehalt der Aufgabe versteht
  • familiäre Krisen
  • zu viel und falsches Üben….
     

Von Seiten der Schule

  • der Lern-Ausgangsstand des Kindes wird nicht genügend berücksichtigt
  • Tempo und Stoffdichte sind für das Kind nicht passend
  • didaktische Mängel
  • ungünstige Klassenstruktur
  • zu viele Lehrerwechsel…..

 

Verwendete Literatur: Gaidoschik, M.: Rechenschwäche - Dyskalkulie. S. 15

Mögliche Folgen
 

Ein Problem, das z.B. aus mangelnden Vorkenntnissen, fehlerhaften mathematischen Vorstellungen und Denkweisen entstanden ist, kann sich bei Nichtbehandlung gravierend auf die Psyche des Kindes, die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind, die Beziehung von Kind zur Schule im Allgemeinen und dem Fach Mathematik auswirken.  

 

 

 

 

 
 

 

Integrative lerntherapeutische Praxis Weltenwechsel - Sarah Benninger